Silwan

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An der kurzen Flanke des Tempelbergs, an der recht steil abfallenden Südseite, befindet sich besonders heiß umkämptes Territorium.

Silwan ist ein von ca. 40.000 Palästinensern bewohnter recht armer Jerusalemer Stadtteil mit sehr langer wechselvoller Geschichte.

Israelische Archäologen haben dort unter bewohntem Gebiet Reste alter Gebäude gefunden, von denen man annimmt dass sie aus Davids Zeiten stammen. Auf diesem Gebiet, am Zionshügel, vermutet man die historisch ältesten Anfänge der Stadt Jerusalem überhaupt.

Auch für die Palästinenser hat diese Siedlung hohen territorialen und politischen Wert: sie befindet sich in direkter Nähe zum muslimischen Teil der Altstadt.

Um jeden Quadratmeter wird verbissen gerungen. Die Ausgrabungen und ein archäologischer Park („Davids Stadt“) sehen sich natürlich heftigem Protest der Palästinenser ausgesetzt. Andererseits ist die Gegenseite auch nicht zimperlich mit archäologischem Material: tonnenweise Aushub wurde mit Baggern vom Tempelberg abgetragen um Platz zu schaffen für eine 7000 Personen fassende Moschee, die Marwani-Moschee. Erst nach zähem Ringen hatten israelische Archäologen dann Zutritt zum Schutt, um eventuell noch erhaltene Relikte identifizieren zu können. Immer geht es auch um Identität bzw. das Existenzrecht überhaupt.

In den 1880er Jahren kaufte ein gewisser Edmond de Rothschild das unbewohnte Gebiet südlich vom Tempelberg. Etwa 100 jüdische Siedlerfamilien aus dem Jemen fanden hier ein Zuhause. Araber vertrieben sie in den Unruhen von 1929 und das Gebiet fiel in Jordanische Verwaltung, die den „Feindbesitz“ an Palästinenser übergab.

Dass nun jetzt israelische Siedler nach und nach einzelne palästinensische Häuser zu exorbitant hohen Preisen aufkaufen, trägt natürlich auch nicht zum Frieden bei. Die horrenden Preise sind lebensnotwendig für die Verkäufer, um sich unerkannt ein neues Leben aufbauen zu können. „Verräter“ behandelt man nicht zimperlich auf palästinensischer Seite… Und die einzelnen Siedler fahren hier mit vergitterten PKWs durch die Strassen. Die 40.000 Palästinenser geniessen mit ihrem israelischen Pass übrigens alle Vorzüge des israelischen Sozialsystems – für in den Autonomiegebieten lebende Palästinenser ein unerreichter Traum.

Wie man es dreht und wendet: es geht um Territorium, um Landgewinn, um Sicherheit, um das Existenzrecht, um Deutung der Geschichte. Also um die Existenz…

Die Sonne kommt heute doch noch etwas zum Vorschein; heute früh war es erst sehr bedeckt. Ich gehe gemütlich eine Strasse in diesem Viertel entlang Richtung Tal und komme zufällig an einem „Informationszentrum Silwan“ vorbei. Interessiert trete ich ein; der Wächter telefoniert und würdigt mich keines Blickes. Also studiere ich die einzige Karte in diesem Raum. Offenbar geht es um geplante Ausgrabungen oder die Häuser die schon an Siedler verkauft wurden. Ich werde es aber wohl nie erfahren, denn der Text ist nur arabisch…

Ich bin bald wieder zurück auf der Strasse, und ein kleines Mädchen winkt mir fröhlich zu. Der einzige Kontakt hier für heute.

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