Er ist nicht hier…

Ein paar hundert Meter ausserhalb der alten Mauern, gegenüber des Damaskustores in muslimischem Gebiet, liegt ein liebevoll gepflegter Garten. Unterhalten wird die Anlage seit 1894 von einem britischen überkonfessionellen gemeinnützigen Verein. Sie ist am Fuße eines rundlichen Hügels und umschliesst eine Grabhöhle. Ein gewisser Otto Thenius hat 1842 erstmals die Möglichkeit erwähnt, dass hier eine Alternative zum gemeinhin angenommenen Begräbnisort sein könnte.

Auch auf diesen Ort treffen die Merkmale zu die z.B. in Joh. 19 genannt werden: Platz der Kreuzigung und Begräbnisstätte liegen sehr dicht beieinander, alles findet ausserhalb der damaligen Stadtmauern statt, und die zugehörige Gartenanlage lässt auf einen wohlhabenden Inhaber schliessen.

Eine sehr ruhige freundlche Atmosphäre in diesem Garten. Ich bleibe länger und nutze den Schatten, lese ein wenig und geniesse die Ruhe.

Mit dem Text aus Joh. 19 im Hinterkopf werde ich dann später die „offizielle“ Stätte, die Grabeskirche, besuchen die innerhalb der alten Stadtmauern liegt… Also alles ein Irrtum?

Archäologie kann richtig spannend und lebendig sein! Die heute sichtbaren Stadtmauern sind zwar sehr alt, aber eben nicht aus der Zeit Jesu. Die heutige Mauer hat ein Sultan Süleyman nach 1535 erbaut, und zwar deutlich weiter ausserhalb als die Fundamente der alten Mauer. Schon damals war „Tourismus“ der Grund: „schaut her, es ist genug Platz in Jerusalem, kommt alle, es ist sicher“.

Die Grabeskirche ist zentraler heiliger Ort für nicht weniger als 13 christliche Denominationen. Im Laufe der Jahrhunderte sind so insgesamt 30 Kirchen in- und übereinander verschachtelt entstanden. Die letzte Bautätigkeit stammt aus der Zeit der Kreuzfahrer und hat einen Komplex hinterlassen der nur noch ein Drittel der ursprünglichen Größe umfasst.

Nicht immer verläuft hier alles in friedlichen Bahnen. Unter anderem konnte man sich nicht einigen über wichtige organisatorische Regelungen wie z.B. die Öffnungszeiten. Und so ist das Öffnen und Schliessen der Tore seit dem 12. Jahrhundert in der Hand von 2 muslimischen Familien. Eine Familie verantwortet die Öffnung, eine Familie ist für die Schliessung zuständig.

Hier an diesem Ort sind einige „Allerheiligste“ des Christentums buchstäblich „unter einem Dach“: Natürlich der Hügel, Golgatha, dann die Steinplatte auf der der Leichnam fürs Begräbnis einbalsamiert sein soll. Und natürlich – die Grabhöhle.

Interessant wie nüchtern und doch fasziniert ein Archäologe sich dem Thema nähert: „Untersuchungen ergeben: diese Höhle stammt aus der Zeit Jesu. Sie ist eine Begräbnisstätte. Da zu dieser Zeit jegliches Begräbnis ausserhalb der Stadt vollzogen wurde, muss auch die ganze Anlage ausserhalb der damaligen Stadtmauern gewesen sein. Damit könnte hier tatsächlich das echte Grab Jesu gewesen sein“.

Und dann der trockene Kommentar: „Wenn ihr jetzt gleich dieses Grab besichtigt, erwartet keine Knochen, denn genau das ist der innerste Kern des christlichen Glaubens: ein leeres Grab“.

In der Tat – Er ist nicht hier…

Wo genau das echte Grab gewesen sein mag, ist für mich persönlich eigentlich gar nicht so wichtig. Es muss irgendwo hier in der Gegend gewesen sein. Und es hat so oder ähnlich ausgesehen wie das was ich ansehen und anfassen konnte. Das ist allemal genug für mich.

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