Sabbat

Schabbat ist vorbei. Und langsam kommen heute Abend wieder alle Mäuse aus den Löchern. Viel Betrieb hier, die Bars und Cafés haben wieder geöfnet. Jetzt gönne ich mir noch einen Cappuccino an der Jaffa Street und versuche mal die Gedanken zu sortieren…

Was für ein Freitagabend! Die Leute haben Mittags frei und bereiten alles vor für den großen Moment – Beginn des Feiertages. Die Strassen sind gerammelt voll, jeder kauft die letzten Dinge ein und isst noch eine Kleinigkeit (nicht zu viel, wenn man es „richtig richtig“ machen will – sonst hat man später keinen Appetit mehr auf das beste Essen der Woche). Echte Vorfreude auf diesen Feier-Tag. Komplette Ruhe für einen Tag!

Und dann – plötzlich ist alles wie leer gefegt.

Von guten Freunden hatte ich den Tipp bekommen, auf jeden Fall zu dieser Zeit an der Klagemauer zu sein. Bester Tipp ever! Mit Kippa darf ich bis an die Mauer, und auch in die daneben liegende Schule. Den ganzen Nachmittag sind die Menschen schon dort, es ist ein Kommen und Gehen. Laut oder leise rezitieren, in Abständen Gebet in Gruppen, wozu regelmäßig aufgerufen wird. Und an der Mauer beten und klagen. Auch kleine Jungs dürfen schon dabei sein.

Es ist ein pulsierendes Leben hier. Und geht dann in den Höhepunkt über: den Beginn des Sabbats. Nun ist der Platz gerammelt voll. Fotografieren, rauchen und elektronische Geräte sind ab jetzt verboten. Ich bin sowieso überwältigt von der Freiheit mit der wir Besucher vorher alles ablichetn durften. Sogar zum Gebet hat man mich eingeladen – leider hatte ich meine Bibel nicht im Rucksack, und es gab nur hebräische Bibeln dort…

Was für ein Gottesdienst! Akustisch eher Richtung Fussball (ich werde noch einen Clip zusammenstellen mit Audio), und echt lebendig, fröhlich, ausgelassen, laut, vital. Immer wieder finden sich Freunde ein die etwas zusammen singen, tanzen, rezitieren oder einem Rabbi in kleinen Gruppen zuhören. Gruppen von Soldaten mit ihren MG´s die singen und tanzen. Und immer auch Einzelne die beten, klagen, durch die Menge laufen und ihre Hände erheben. Sich rhythmisch bewegen zu ihren Worten wie man es kennt. Ohne Info zu Ort und Zeit und ohne Ton hätte ich wohl eher auf einen charismatischen Gottesdienst getippt. (naja, bis auf die Soldaten und bis auf die Tatsache dass kein einzelner „Guru“ vorne Programm macht).

Die Frauen sind „nicht dabei und doch ganz dabei“. Ein kleiner Zaun trennt Männer und Frauen. Auch die Frauen haben ihren Teil der Klagemauer, sind präsent. Sie singen auch, beten oder machen ihre eigenen Gruppen. Oder spielen „Cheerleader“ für ihre Männer, beugen sich über den Zaun und machen mit. Vielleicht täuscht mein Gefühl, aber ich habe den Eindruck dass Männer und Frauen je ihren Platz einnehmen und mit Würde ausfüllen. Die Männer sind vital, stark, verletzlich und aktiv. Hingegeben. Und die Frauen unterstützen sie und machen doch zugleich auch ihr eigenes Ding. In diesem Wechselspiel war viel Energie drin! Eine „geheiligte Natürlichkeit statt einer unnatürlichen Heiligkeit“ (H. Kemner).

Es geht bis in die Nacht – ich gehe irgendwann, total gesättigt und überwältigt von dieser berauschenden Atmosphäre. In den verwinkelten Gassen des jüdischen Viertels höre ich noch lange den sound der Feier…

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